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Josephine Bonaparte

Es weihnachtet im Erdinger Land. Auf den abgeernteten Feldern liegt der erste Schnee, kahl ragen die Äste der zweihundertjährigen Eichen, die Schloss Aufhausen zur Sempt hin säumen, in einen bleiernen Himmel Plötzlich durchbricht das Hufgetrampe und Schnauben von Pferden die Stille. Es sind Reiter, die da kommen, und eine prächtige Kutsche. Als der Tross anhält, entsteigt eine Dame der Prunkkarosse. Sie ist 43 Jahre alt, geboren als Tochter eines Kapitäns auf der Karibikinsel Martinique, und noch immer eine Aufsehen erregende Frau. Schwarze Locken umrahmen ein Gesicht dem Puder und Schminke die Farbe von Porzellan gegeben haben.

Josephine Bonaparte, die ihre Übernachtung in Schloss Aufhausen angekündigt hat, ist auf dem Weg nach München, wo ihr Gemahl in wenigen Tagen Kurfürst Max Joseph zum König von Bayern »von Gottes Gnaden« ausrufen wird. Sie selbst darf sich seit fast zwei Jahren Kaiserin von Frankreich nennen, nachdem sich ihr Mann Napoleon I., gesalbt von Papst Pius VII., in der ehrwürdigen Kathedrale von Notre-Dame zu Paris selbst die Kaiserkrone aufs Haupt gesetzt hatte, angetan mit einem Purpurmantel und umgürtet mit dem angeblichen Schwert Karls des Großen.

So könnte es gewesen sein im Dezember 1805 - oder auch nicht. Freiherr von Froelich jedenfalls, der verstorbene vorletzte Besitzer von Schloss Aufhausen, gab diese Episode am knisternden Kaminfeuer gerne zum Besten, und er wusste auch ein spartanisch wirkendes Bett vorzuweisen, in dem die Gemahlin des Herrschers über Europa die kaiserlichen Glieder ausgestreckt hatte.

Ob Josephine Bonaparte tatsächlich in Schloss Aufhausen nächtigte, ist ungewiss; Quellen, die dies belegen könnten, sind nicht auffindbar. Der jetzige Besitzer von Schloss Aufhausen, Freiherr von Hammerstein, weiß von der Stunde, in der in seinem Anwesen der Mantel der Geschichte rauschte, rein gar nichts. Er steht vor dem Gebäudeteil, der das »Hochschloss« genannt wird, angetan mit ledernen Kniebundhosen, und blickt nicht ohne Wohlgefallen auf das Werk, das er geschaffen hat. Wenig ist noch so wie es war, bevor er hier einzog.

Die Eichenallee ist inzwischen 400 Jahre alt- ein mächtiger Baumbestand, der den Park von der Außenwelt und der Straße München Erding abschirmt. Und das Schloss hat er aufwändig und liebevoll restauriert: ockerfarben umrahmte großflächige Fenster, ein stattliches Portal, ein heckenumsäumter Weg, der in einem Rondell mündet, in dessen Mitte ein metallener Brunnen plätschert.

Seitlich angeschlossen eine Kapelle aus dem Jahr 1718, der heiligen Magdalena gewidmet, mit Figuren, die dem berühmten Landshuter Bildhauer Christian Jorhan aus der Straub-Werkstatt zugeschrieben werden. Und dann noch ein Labyrinth aus Quer- und Anbauten, in dem Stallungen, Werkstätten und Wohnungen untergebracht sind. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Aufhausen als Edelsitz schon im Jahr 788, zu Herzog Tassilos Zeiten, als Bären, Wölfe und Wegelagerer das Land unsicher machten. Seither haben viele berühmte bayerische Geschlechter auf dem Schloss Aufhausen gelebt: die Grafen Preysing, die Grafen Armannsperg, die Grafen Fugger sowie die Herren Schrenk zu Notzing, von Eisenreich, von Eglhof und von Auer. In der berühmten Beschreibung Bayerns von Wening wird Aufhausen beschrieben als »Schloß samt Mayerhof 1 Stunde (zu Fuß!) von der Stadt Erding auf einer Anhöhe über dem Flüßchen Sempt gelegen mit schönen großen Gärten, Feldern und Holz. Von der Sempt, eine Viertelstunde entfernt, wird das Wasser mittelst eines Turmes in lauter bleiernen Röhren in das Schloß hinauf geleitet. Die Hofmark hat gute Feldgrund und Heumatten und gesunde Luft, hat auch weder durch Feuer noch feindliche Verwüstung gelitten ...« (Zur Originalbeschreibung von Michael Wening)

Das heutige Schloss stammt in seinen Grundzügen aus dem Jahr 1596. Auch wenn von der ursprünglichen Bausubstanz wenig erhalten scheint: Weder der 30 jährige Krieg noch spätere Wirren haben ihm viel anhaben können. Um 1720 wurde es erweitert und um 1900 entstanden neue Wirtschaftsgebäude; seit Herr und Frau Hammerstein hier residieren, ranken sich meterhohe Rosenstöcke an Fassaden empor, gesäumt von üppig wuchernden Oleanderbüschen. Felder und Wiesen, die sich um das Schloss herum großflächig gruppieren, sind für landwirtschaftliche Nutzung verpachtet, eine Schreinerei ist eingezogen, fünf Reitpferde stehen im Stall, in den Wohnungen tollen Kinder umher.

Christoph R. v. Froelich

Das »Hochschloss« selbst wird von Baron und Baronin von Hammerstein, einer Urenkelin des Bankiers von Froelich, der 1883 sein Augsburger Bankhaus in die neue Bayerische Vereinsbank einbrachte und deren erster Vorstandsvorsitzender wurde, bewohnt. Die jetzigen Besitzer nannten drei Antiquitäten-Geschäfte in München ihr Eigen, deshalb ist das Haupthaus mit erlesenem Geschmack, Barockmöbeln, wertvollen Gemälden und alten Kachelöfen bestückt.
Das alles wäre noch nichts, wenn es nicht noch zwei Besonderheiten gäbe: einmal eine Kegelbahn aus dem Jahr 1897, und dann - ein Tennisplatz, angelegt ebenfalls im 1897. Natürlich beliebte man auf Rasen zu spielen - was man im Londoner Vorort Wimbledon konnte, das konnte man auf Schloss Aufhausen schon lange.

Zitiert aus dem Buch "Landkreis Erding Was war. Was ist. Was wird."
Herausgeber: Landkreis Erding
Artikel von Winfried J. Schindler